Yeah, ein Flashmob
Und es begab sich zu der Zeit, als die Kanzlerin dem Hamburger Volke huldigte, um zu zeigen, dass alles gut war. Und das Volke kam zur Kanzlerin und weil das Volke sah, dass nicht alles gut war, gab es eine kleine Gruppe Unentwegter, die der Kanzlerin mit lautem “Yeah” widersprachen. Und weil noch immer nicht alles gut war, machten sich mehr Unentwegte auf, um ihre Meinung anderswo kundzutun
Das gefiel nicht nur der Kanzlerin nicht, sondern auch Uli Fricker vom Suedkurier. Und fordert prompt mehr Einfallsreichtum, da er den Untergang des demokratischen Abendlandes per SMS-Flashmobs befürchtet. In guter deutscher Sprache: Er findet es nicht witzig und bemängelt ein fehlendes Demokratieverständnis.
Da stellt man sich doch die Frage, ob es nur daran liegt, dass die Kanzlerin mit einem Flashmob bedacht wurde. Bei einer Veranstaltung der NPD wäre das Echo vermutlich nicht so kritisch ausgefallen und die Demokratie wäre davon ebenfalls nicht untergegangen. Die Zeiten, in denen sich Politiker auf Wahlkampfveranstaltungen widerspruchslos huldigen liessen, ist nämlich vorbei. Wer sich in die Öffentlichkeit stellt, muss mit öffentlicher Kritik rechnen und damit umzugehen lernen, wie auch immer sie aussieht.
Gerade im Wahlkampf wird immer wieder versucht, dem Bürger medial nur positive Bilder zu vermitteln. Freundlich grinsende Gestalten lächeln von Plakaten, dieselbe sorgsam ausgefeilte Rhetorik wird immer wieder auf Wahlkampfveranstaltungen heruntergeleiert, sorgfältig ausgesuchte Massen animieren zum Beifall und ungeliebte Pressemitglieder werden schon mal ausgesperrt, wenn sie nicht das gewünschte harmonische Image transportieren. Als die Familienministerin beim offiziellen Besuch einer Kindertageskrippe ein Kamerateam des Spiegel einfach rauswarf, habe ich keinen Aufschrei von Uli Fricker vernommen, der den Untergang des demokratischen Abendlandes befürchtete. Ebensowenig, dass die CDU bei Veranstaltungen schon mal gern die Polizei holt und Anzeige wegen Verstosses gegen das Versammlungsgesetz stellt, wenn die Masse der Kritiker einen Schwellwert überschreitet.
Dass der Innenminister plant, dem Verfassungsschutz polizeiliche Befugnisse zu geben, und dem BKA mehr und mehr Befugnisse verschafft, die einem Verfassungsschutz gut stünden, scheint da auch keine demokratische Befremdung auszulösen. Ebensowenig wie die Übergriffe der Polizei bei der Berliner Demonstration “Freiheit statt Angst”.
Die Ereignisse in Hamburg haben nichts mit SMS, Internet oder Flashmobs zu tun- diese Techniken sind lediglich die Transportmittel. Genausogut hätte man sich über Telefon verabreden können. Sie sind Ausdruck einer politikinteressierten Generation, die genug hat von Fassadenpolitik und Charmeoffensive und auf spontane und humorvolle Weise ihre Meinung kundtut.
Sicher gibt es intelligentere Freizeitbeschäftigungen, als sich spontan zum Bananenessen zu treffen und wieder zu verschwinden und sicher ist es nicht zu befürworten, wenn eine Party auf Sylt im Einzelfall ausartet. Aber das ist kein Problem des Flashmobs an sich- so manche Hinterlassenschaft im Umkreis von Schullandheimen und Jugendherbergen erweckt da ähnliche Assoziationen, auch ohne Flashmob.
Abgesehen davon- Wenn sich die jungen Leute stattdessen hinter ihre Computer verzögen und Ballerspiele spielten, wäre es auch wieder nicht recht, richtig?
Yeah